einblicke

 
Pfarrzeitung · Dezember 2011-Februar 2012

Druckausgabe (PDF)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,


in der Erzdiözese Wien läuft ein Umstrukturierungsprozess an: Die Pfarrkirche Neulerchenfeld wird den serbisch-orthodoxen Christen übergeben, in absehbarer Zeit werden der 10. und der 15. Bezirk pfarrlich umstrukturiert. Wegen des Schrumpfens der Kirche ist die in Jahrzehnten gewachsene Struktur nicht mehr aufrecht zu erhalten. Es gibt in Wien zu viele Kirchen mit zu hohen Erhaltungskosten.

Dieser Prozess birgt auch Chancen. Wir, besonders die kirchlichen Vertreter, sind herausgefordert uns auf die Kernaufgabe zu besinnen: die Verkündigung der Frohen Botschaft, des Evangeliums. Dadurch soll erlebbar werden, dass die Kirche kein Selbstzweck ist, sondern dazu da, die Heilsbotschaft Jesu Christi in der Welt hörbar zu machen. So kann die Kirche wieder zum Zeichen und Werkzeug des Friedens und der Einheit werden, wie es das II. Vatikanische Konzil sagt.

Am 5. und 6. Jänner 2012 werden die Sternsinger wieder durch unser Pfarrgebiet ziehen. Sie setzen sich für eine gute Sache ein. Bitte nehmen Sie diese Kinder wohlwollend auf!

Die bevorstehende Advent- und Weihnachtszeit kann uns wieder an die Wurzeln des eigenen Menschseins heranführen. Im Letzten gesehen liegen sie in Gott, der in Jesus Christus uns ganz nahe gekommen ist.
Ich erbitte Ihnen eine gesegnete, vielleicht hin und wieder auch ruhige Adventzeit und ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest sowie alles Gute für das kommende Jahr.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer

Dr. Karl Engelmann
 



Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte.


Von Pfarrer Karl Engelmann



Zu Weihnachten besingen wir ein Neugeborenes in einem Futtertrog. Ehrfurchtsvoll huldigen wir dem „heiligen Kind“ und nennen es „Retter“ und „Erlöser“. Viele von Ihnen werden unter dem Christbaum eine Weihnachtskrippe stehen haben. Anlass genug also, uns zu fragen: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Kindern um? Haben sie noch jenen Wert, der ihnen zukommt, nämlich als eigenständige heranwachsende Personen anerkannt und in ihren je eigenen Fähigkeiten gefördert zu werden?

Demographische Entwicklung

Statistiken zeigen, dass der Nachwuchs in Österreich zahlenmäßig zu wünschen übrig lässt. Die demographische Entwicklung sei besorgniserregend, wie es im Nachrichtendeutsch heißt. Die Kinderzahl österreichischer Familien könne die Anzahl an Todesfällen im Land nicht ersetzen. Das sei nur durch die vergleichsweise größere Zahl von Kindern nicht-österreichi-scher Familien möglich. Folgt man internationalen Berechnungen, wird die westeuropäische Gesellschaft in den nächsten zwanzig Jahren dezimiert und überaltert sein. Dramatische Prognosen also. Wo liegen nun die Ursachen dieser Entwicklung? Sind wir keine kinderfreundliche Gesellschaft mehr?

Störfaktor Kind

Kinder werden von modernen Menschen nicht selten als Belastung empfunden; als Einengung der persönlichen Freiheit; als Hindernis auf dem Karriereweg. Aber sind Kinder nicht eine große Bereicherung, ein großes Geschenk, das Gott den Menschen gibt? Eltern haben mir versichert, das größte Geschenk in ihrem Leben seien ihre Kinder. Oft genug musste ich beobachten, wie in öffentlichen Verkehrsmitteln Mütter mit mehreren Kindern angepöbelt, ja beinahe verurteilt wurden dafür, dass sie mehrere Kinder haben. Zu beobachten ist auch, dass nicht wenige Menschen auf Kinderlärm hypersensibel reagieren. Dabei ist es etwas Schönes und Bereicherndes, wenn Kinder nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar sind.

Kinderfreundliche Atmosphäre

Wir brauchen wieder einen neuen Bezug zu Kindern, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche. Dadurch könnten wir vieles lernen, sind doch Kinder für uns Erwachsene in vielen Situationen Vorbilder und Lehrer. Wir brauchen grundsätzlich eine positive Einstellung zu ihnen. Kinder müssen willkommen sein. Sie müssen erfahren, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes so angenommen sind, wie sie sind – nicht wie wir sie haben wollen.
Es braucht eine Atmosphäre, in der Kinder gewünscht und erhofft sind. Daher brauchen wir Lebensräume, in denen Kinder sein können, in denen sie sich in aller Freiheit kennen lernen können. Die Gestaltung humaner Lebensverhältnisse für Kinder ist nicht eine unter vielen Aufgaben, die sich uns beispielsweise in der Sozial- oder Bildungspolitik oder im alltäglichen Handeln stellt, sondern sie bildet den Kristallisationspunkt einer zukunftsorientierten und traditionsbewussten Gesellschaftspolitik.
Die Gestaltung humaner Lebensverhältnisse ist auch eine große Aufgabe der Kirche: Lebensverhältnisse zu schaffen, in denen Kinder sich entfalten können und die Spur ihres Lebens finden. Wir sind auch in der Pfarre aufgerufen, Kinder zu fördern und mit ihnen gemeinsam lebensgestalterisch unterwegs zu sein. Wir müssen vor allem lernen, auf Kinder zu hören, um ihre Lebensbedürfnisse kennen zu lernen.

Advent – Weihnachten

Zu Weihnachten feiern wir ein Kind, das vor 2000 Jahren in einem Stall geboren wurde. Es wird später durch sein Leben, Sterben und Auferstehen die Welt verändert haben. Wenn wir es auch manchmal nicht sehen und nicht wahrhaben wollen, aber vieles ist durch dieses Kind in unserer Welt geworden.
Im Advent bereiten wir uns auf die Feier der Weihnacht vor. Frauen haben mir versichert, dass die Schwangerschaft adventliche Dimensionen hat: Hoffnung, Freude, Angst und Unsicherheit, ob alles gut gehen wird. Sie haben mir weiters berichtet, wie groß die Freude über neues Leben ist. So gesehen gibt es in unserem Leben auf verschiedenen Ebenen adventliche und weihnachtliche Situationen.

In der Mitte: Das Kind

Stellen wir in diesem kommenden Advent und am Weihnachtsfest das Kind, konkret: unsere Kinder in das Zentrum unseres Denkens und Tuns. Betrachten wir nicht nur das Kind in der Krippe, sondern betrachten und beobachten wir die Kinder um uns. Sie sind Gottes Geschenk an unsere Zeit. Wir brauchen Räume, in denen Kinder erfahren, dass sie wirklich Geschenk sind. Das heißt aber auch, wir müssen den Mut haben, kinderfeindliche Situationen schonungslos aufzuzeigen und zu durchbrechen. Wir sind aufgerufen, alles erdenklich Mögliche zu tun (wenn es sein muss auch gegen politische Kräfte), dass für Familien alles getan wird, damit sich auch heute jeder Kinder leisten kann.
Ein Kind blickt immer, vor allem wenn es mit Erwachsenen spricht, nach oben. Es zeigt uns dadurch eine Richtung an. Der kindliche Blick nach oben zeigt, dass der Mensch, dass wir alle auf Zukunft ausgerichtet sind. Jesus sagte einmal: „Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen!“ (Mk 10,16) Hier meint Jesus sehr klar: Schaut hin, wie Kinder in aller Einfachheit glauben und vertrauen können! Lernt so zu glauben und so zu vertrauen, und der Himmel wird sich euch öffnen! Natürlich ist dieser Glaube, dieses Vertrauen sehr zerbrechlich; trotzdem ist es wichtig, gerade von Kindern glauben und vertrauen zu lernen.
Wenn Sie zu Weihnachten das Kind in der Krippe sehen und betrachten, so danken Sie Gott für alle Kinder, die es in Ihrem Umkreis gibt. Und bitten Sie ihn, er möge vielen Menschen den Mut schenken, sich in Freiheit und Überzeugung für Kinder zu entscheiden.
 



Neu: Februar 2012


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