Kalvarienberg - Das Leiden Christi an uns Menschen
 

Der Hernalser Kalvarienberg ist kein herkömmlicher Kreuzweg. Er deckt einerseits auf, wozu der Mensch fähig ist, und offenbart andererseits, worin seine Würde besteht. In einzigartiger Weise stellt der Kalvarienberg sein Thema - die Wandlung des Menschen - plastisch dar.

Jahrhundertelang ist uns Menschen gesagt worden: „Ihr müsst euch bessern!“ Oft genug erfahren wir, dass das schwer, um nicht zu sagen unmöglich ist. Aus diesem Konflikt des Anspruchs an uns selbst und der Unmöglichkeit, ihn aufzulösen, will uns der Kalvarienberg befreien. Er führt uns vor Augen, dass nicht wir „uns“ bessern müssen, sondern dass Christus - die Mensch gewordene Liebe Gottes - uns verwandelt, indem er uns durch unsere negative Prägung zur Quelle unseres Lebens führt. Uns unserer eigenen Wahrheit nicht zu entziehen und vor uns selbst nicht davonzulaufen, ist der Beginn des Erlösungsweges.

Im ersten Teil des Kalvarienberges werden die sieben Hauptsünden auf ebenso vielen Reliefs dargestellt. Sie führen zum baulichen Mittelpunkt und inhaltlichen Wendepunkt, der Kreuzigung Jesu und zweier Schächer. Von hier weg führen weitere sieben Reliefs mit der Veranschaulichung der „sieben Tugenden“, der Frucht der Erlösung durch Wandlung.

Zuerst eine Klarstellung: Eine Hauptsünde ist nicht, was man früher als „Todsünde“ bezeichnete, nämlich das Ereignis der Trennung von Gott. Eine Hauptsünde ist vielmehr der negative Pol unserer Person, der umso wirkmächtiger wird, je weniger uns sein Wirken bewusst ist. Dann kann er alle unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen negativ formen. Sich auswirkende Hauptsünden sind also die Folge von Unaufmerksamkeit. Jeder Mensch ist durch eine Hauptsünde, ein vorherrschendes Muster, bestimmt. Sie ist gewissermaßen seine psychogenetische Anlage, an der er genauso wenig Schuld hat und die er genauso wenig aus der Welt schaffen kann, wie seine körper-genetische Anlage. Durch ständiges Gewahrsein seiner Gedanken, Gefühle und Handlungen vermag der Mensch sich von seinen negativen Tendenzen zu lösen, wodurch sie gleichzeitig geschwächt werden. Das Entdecken und schonungslose Offenlegen der ihn bestimmenden negativen Grundtendenz schließlich markiert jenen geheimnisvollen Wendepunkt, an dem eine Hauptsünde, ein negativer Pol, umgedreht wird, kippt, so dass dieselbe Person plötzlich vom positiven Pol, dem „Guten, Wahren und Schönen“ genährt wird. Sie wird zur Quelle dessen, was man früher als „Tugend“ bezeichnete - ohne persönliche Anstrengung, auf außerordentlich hohem Niveau und begleitet von großer Freude. Diese Umpolung kann der Mensch aus eigener Kraft nicht vollbringen. Hier, am Wendepunkt des persönlichen Lebens, ist allein Gott am Werk.

Der springende Punkt in der ganzen Angelegenheit ist, dass nicht der Mensch „sich“ bessert, sondern sich öffnet und entdeckt, wie er wirklich ist. Den Weg zur Erkenntnis der eigenen Wahrheit - der immer leidvoll ist - lebt Jesus am Beispiel seiner eigenen Person vor. „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ Diese Worte Jesu galten für ihn selbst, und sie gelten für jeden Menschen. Absolut. - Den Weg zum Leben aus der Wirklichkeit - die Gott ist - lebt Christus nach seiner Auferstehung durch Maria. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“ Diese Worte des Apostels Paulus galten auch für Maria, und sie gelten für jeden von sich erlösten Menschen. Absolut.
 


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