Für die Seele
 

Dies ist das Geheimnis der Freiheit des Menschen, spricht Gott,
und meiner Lenkung ihm gegenüber und seiner Freiheit.
Wenn ich ihn allzu sehr stütze, so bleibt er nicht frei.
Und wenn ich ihn nicht genug stütze, so fällt er,
und ich gefährde sein Heil.
Zwei Güter, sozusagen fast gleichmäßig kostbar.
Dieses Heil hat einen unendlichen Preis.
Doch was ist ein Heil, das nicht frei wäre?
Wir wollen, dass dieses Heil durch ihn selber gewonnen wird.
Durch ihn selber, den Menschen.
Dass es gewissermaßen von ihm kommt.
Weil ich ja selber frei bin, spricht Gott, und weil ich den Menschen
erschaffen habe nach meinem Bilde und Gleichnis.
Die Freiheit dieses Geschöpfes ist der schönste Widerschein auf der Welt
von der Freiheit des Schöpfers. Deshalb legen wir solches Gewicht auf sie,
messen ihr einen eigenen Wert bei.
Meine Macht leuchtet genug aus den Sandkörnern des Meeres
und aus den Sternen des Himmels.
Doch in meiner beseelten Schöpfung, spricht Gott,
wollte ich Besseres, wollte unendlich viel mehr.
Denn ich wollte ja diese Freiheit.
Ich schuf diese Freiheit sogar.
Es ist gewiss meine größte Erfindung.
Wenn man das einmal gekostet hat,
in Freiheit geliebt zu werden,
ist alles andere nur Unterwürfigkeit.
Und alle Unterwürfigkeit auf der Welt reicht nicht heran
an den Blick eines freien Menschen.
Für diese Freiheit, diese Freiwilligkeit habe ich alles gegeben, spricht Gott,
für diese Freude daran, von freien Menschen geliebt zu werden,
aus freien Stücken,
wahrhaft von Menschen, gereift, zärtlich und fest.
Um diese Freiheit, diese Freiwilligkeit zu erlangen, habe ich alles geopfert.
Um die Menschen die Freiheit zu lehren.

charles pierre péguy in: das mysterium der unschuldigen kinder

 

neu: 30. april 2021