einblicke

 
Pfarrzeitung · Februar 2021

Druckausgabe (PDF)

 

"Ich bin ja nicht für mich allein"

Antonio Autiero, Jahrgang 1948, war bis 2013 Professor für Moraltheologie in Münster. Im Jänner dieses Jahres äußerte er sich in einem Interview mit der Zeitschrift Christ in der Gegenwart zur Impfung gegen das Coronavirus.

christ in der gegenwart: Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim sagt: "Impfen ist keine persönliche Entscheidung, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung." Denn es gebe Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können. Sie seien darauf angewiesen, dass alle anderen es tun. Brauchen wir also eine Impfpflicht?

autiero: Ich möchte hierbei zwischen zwei Ebenen unterscheiden. Rein rechtlich halte ich eine Impfpflicht für unvorstellbar. Es ist sehr wichtig, sich und die Gesellschaft gegen eine solche Verpflichtung zu schützen. Das wäre ja wie in einer Diktatur. Auf moralischer Ebene sehe ich aber eine Pflicht im Sinne einer Verantwortung für das Gemeinwohl, weil das Virus alle betrifft. Papst Franziskus hat kürzlich daran erinnert, der Ausweg aus dieser schwierigen Zeit gehe nicht mit dem Ich, sondern mit dem Wir. Manche verweigern eine Impfung mit dem Argument, selbst über den eigenen Körper entscheiden zu wollen. Einen solchen Gedanken finde ich grundfalsch. Ich bin ja nicht ich für mich allein. Unser Leben geschieht in Gemeinschaft mit anderen, wir sind miteinander verbunden. Wer allein über sich selbst entscheiden will, ohne seine Umwelt einzubeziehen, muss sich konsequenterweise vollkommen zurückziehen, sich in die Isolation begeben. Theologisch ausgedrückt: Gott ist der Retter der ganzen Welt, nicht einzelner Menschen. Entweder wir stehen eine globale Pandemie gemeinsam durch oder gar nicht.
 


Zeit für eine neue Normalität

von pfarrer dr. karl engelmann

Bereits seit über einem Jahr ist Corona mit großem Abstand das Thema Nummer eins in allen Medien. Heute sagen viele, sie könnten allein das Wort schon nicht mehr hören. Mir geht es ähnlich. Auch wenn Sie vielleicht jetzt denken: Jetzt kommt auch noch der Pfarrer und redet über Corona ‒ ich kann die herrschende Situation nicht übergehen, besonders jetzt nicht, in der Fastenzeit.

Wir leben in der schwierigen Periode einer Pandemie, der wir uns stellen müssen, ob uns das nun passt oder nicht. Ich halte nichts von Verharmlosern oder gar Leugnern der Gefahr, die mit den Leben ihrer Mitmenschen Hasard spielen. Ich halte weiter nichts vom Hickhack innerhalb der Politikerkaste, dazu ist die Situation viel zu ernst. Und ich halte auch nichts von Demonstrationen gegen die erlassenen Schutzbestimmungen, vor allem dann nicht, wenn ich einen Blick in die Sterbestatistiken werfe. Ich selbst habe schon mehrere Menschen, die nach einer Coronainfektion gestorben sind, auf ihrem letzten Weg am Friedhof begleitet.

Im Folgenden lege ich Ihnen einige Überlegungen zu gegenwärtigen Krisen im weiten Ausmaß vor.

Wenn ich durch unser schönes Land fahre, denke ich mir oft, wie viele Menschen wohl vom Fremdenverkehr leben in den sehenswerten, auf den Tourismus hingetrimmten Dörfern und Städten. Umso mehr kommen mir diese Gedanken in den Sinn an Orten, wo ein Hotel neben dem anderen hochgezogen wurde, zum Beispiel im Salzkammergut. Dasselbe gilt für Schigebiete in den Alpen, die noch immer erweitert werden, wo neue und immer leistungsfähigere Liftanlagen errichtet werden. Wenn es da einmal zu einem Einbruch der Gästezahlen kommt, so meine Gedanken, rollt die Konkurswelle und ein Betrieb nach dem anderen fällt ...

Ein anderes Beispiel ist die Schwemme billiger Flugtickets, speziell im Städtetourismus. Ich selbst bin im September 2019 zu einem Bischofsjubiläum ins ostafrikanische Tansania geflogen. Das Ticket hin und zurück hat 435 Euro gekostet. Natürlich hat mich der niedrige Preis erfreut, aber: Kann eine die Natur schädigende Einrichtung wie der Flugverkehr in dem Ausmaß auf lange Sicht gut gehen? Wie gehen wir mit der Schöpfung um ‒ die weder von uns stammt noch uns gehört? Wir müssen uns eingestehen, dass wir in den letzten Jahrzehnten unsere Lebensweise weit über die Grenzen des Verträglichen hin ausgedehnt haben.

Die Welt vor Corona, die "alte Normalität", war eine Welt voller Ungerechtigkeiten; eine Welt der Verschwendung von Naturschätzen, die wir zu "Ressourcen" unserer aufgeblähten sinnlosen Lebensart erklärt haben; der Vergiftung der Lebensräume vom Meeresboden bis über die Erdatmosphäre hinaus; der beispiellosen Vernichtungswellen im Tierreich und im Pflanzenreich, die mit der denunzierenden Klassifikation von "Unkraut" und "Ungeziefer" begonnen haben und mit der Ausrottung zahlreicher Arten (mehrere Zehntausend pro Jahr!) sich fortsetzen ohne Ende. Wollen wir zu dieser "Normalität" zurück?

Die Coronazeit ist für jeden eine Herausforderung, seinen Lebensstil zu überprüfen: Ist meine Art zu leben für meine Umwelt und Mitwelt verträglich, oder lebe ich auf Kosten anderer Lebewesen und zukünftiger menschlicher Generationen?

Nein, ich möchte nicht zurück zur "alten Normalität". Wir brauchen eine "neue Normalität" von Menschlichkeit und Gerechtigkeit, in der wir miteinander und füreinander da sind. Das ist die Chance dieser Zeit, darauf müssen wir uns zubewegen.

Positiv zu vermerken ist, dass unsere Gesellschaft während der aktuellen Pandemie auch einiges neu eingeübt hat: Rücksichtnahme zum Beispiel oder Solidarität oder das Einhalten eines respektvollen Abstands zum Mitmenschen. (Letzteres lässt sich von der physischen auch auf die psychische Ebene übertragen mit wohltuenden Wirkungen.)

Ich habe Menschen sagen hören, die Coronazeit mit ihrem Verzicht sei wie eine Fastenzeit. Ja, aber dieser Verzicht hat auch Neues hervorkommen lassen. Frische Pflänzchen im persönlichen Leben sind gewachsen in den Zeitlücken, die sich während der Lockdowns aufgetan haben. Nun gilt es darauf zu achten, dass diese Pflänzchen eines neuen, anderen Lebens kräftiger werden, damit sie zum Blühen kommen und Früchte ansetzen ...

Der doppelte Ruf der Fastenzeit ist der zu Verzicht und Umkehr. Verzicht haben wir im letzten Jahr geübt. Jetzt braucht es die tatsächliche und nachhaltige Umkehr unserer Art zu leben, der persönlichen genauso wie der gemeinschaftlichen. Beide gilt es so zu verändern, dass sie zu einem selbstredenden Zeugnis für den Menschen als Homo sapiens, als weiser Mensch, werden. Konkret könnte jeder nach dem Ausklingen der Pandemie beginnen, seine Wünsche durch drei Siebe zu sieben: Macht mich das, was ich tue, was ich konsumiere, wirklich glücklich? Brauche ich es unbedingt? Ist es gerechtfertigt?

Am Ende des Tunnels der Zeit ist Gott das Licht. Schon jetzt leuchtet es zeitlos in uns, und es leuchtet nicht für uns allein, sondern für die ganze Welt. In Augenblicken des Selbstvergessens leuchtet es aus uns heraus und taucht die Welt vor unseren Augen in einen sanften, warmen, stillen Schein.

Wenn es aber geschieht, dass dieses Licht unsere Selbstheit jäh durchbricht und seine transzendenten Strahlen wie in einem Brennpunkt sich in einem Gegenüber sammeln und mit ihm sich vereinigen und mit ihm zusammen sich widerspiegeln ‒ was auch immer das dann ist: Ihm müssen wir treu und nahe bleiben und ihm folgen, wohin es uns auch zieht.
 



Neu: Herbst 2021

Kein Menü? > Startseite