Kalvarienberg - Das Leiden Christi an uns Menschen
 

Kupferstich um 1714

Entstehung und Geschichte

Der Hernalser Kalvarienberg besteht seit nunmehr 300 Jahren. Er ist das Nachfolgebauwerk des 1639 eröffneten Kreuzwegs, den man vom Stephansdom zur Hernalser Bartholomäuskirche anlegte als Antwort auf den blühenden Protestantismus vor der Stadt, rund um das Schloss der Jörger. Durch das gezielte Zuführen einer großen Zahl von Katholiken, besonders in Form von Prozessionen, versprach man sich die Rückkehr der Hernalser in den Schoß der katholischen Kirche. Als Leitmotiv für den Prozessionsweg wählte man den Kreuzweg Jesu, dessen Leiden man entlang der Wegstrecke in mehreren Stationen bildhaft vor Augen stellte. Am Ende des Weges in Hernals errichtete man ein "Heiliges Grab". 1683 wurden die Stationen dieses Kreuzwegs von den einfallenden Türken zerstört. Das einzige erhaltene Relikt, die in Holz gefasste plastische Leidensgruppe Geißelung Christi, ist an der Pfarrkirche Alser Vorstadt am Sockel des Turms gegen die Schlösselgasse zu sehen.

1709 wurde der Beschluss gefasst, die Kreuzwegstationen wieder zu errichten. In Hernals aber sollte kein Heiliges Grab mehr gebaut, sondern ein Kalvarienberg errichtet werden. Den Baugrund stellte das Wiener Domkapitel zur Verfügung (das nach dem Landesverweis der Jörger durch den Kaiser von diesem Schloss und Kirche zugesprochen bekommen hatte); die finanziellen Mittel wurden von der "Bruderschaft der 72 Jünger Christi", einer Vereinigung angesehener begüterter Wiener Bürger, aufgebracht. Noch im selben Jahr wurde der Grundstein zu einer in U-Form angelegten, von Menschenhand geschaffenen Erhöhung gelegt. Am Plateau stellte man eine Kreuzigungsgruppe auf, zu der eine 72-stufige Treppenanlage hinaufführte. An deren Außenseiten wurden kleine Kapellen errichtet, für die ein allegorischer Zyklus von lebensgroßen, teilweise vollplastischen Figurenreliefs von volkstümlich-expressiver Anschaulichkeit geschaffen wurde: rechts sieben Passionsszenen (Jesus büßt die sieben Hauptsünden), links sieben Tugenden Mariae (mit den sieben Worten Jesu am Kreuz). Am Fuß des Kalvarienberges, in ihn hineinragend, baute man die kleine "Bergkirche" mit der Szene Verurteilung Christi mit Pilatus. Fertiggestellt wurde die gesamte Anlage im Jahr 1714, also vor 300 Jahren.

Biografie über den Stifter und Mitbegründer des Kalvarienberges, Johann Friedrich Eisenhut samt Literaturhinweis Wien Geschichte Wiki

Schon gut fünfzig Jahre später, im Jahr 1766, musste die Bergkirche wegen Baufälligkeit abgerissen werden. An ihrer Stelle entstand auf größerer Fläche in drei Jahren Bauzeit die Kalvarienbergkirche. Die letzte große Umgestaltung erfuhr der Komplex gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Die Kalvarienbergkirche wurde nach hinten vergrößert, die Seitenschiffe angebaut und der Kalvarienberg überdacht und mit der Kirche verbunden.


Kein Kreuzweg

Der Hernalser Kalvarienberg wird landläufig als Kreuzweg bezeichnet. Das trifft jedoch nicht zu, denn nicht das Leiden Christi steht im Zentrum der Betrachtung, sondern die Erlösung und die Wandlung des Menschen: Die ersten sieben Reliefs zeigen den leidenden Jesus, der die Hauptsünden der Menschheit auf sich genommen hat. In der zentralen Kapelle symbolisiert die Kreuzigungsgruppe Tod und Auferstehung sowohl in der Person des Gekreuzigten als auch in den zu seinen Seiten aufgehängten zwei Verbrechern. Der anschließende zweite Teil der Reliefs präsentiert Maria als erlösten Menschen und Lehrerin der Tugenden. Der Kalvarienberg ist damit ein Ort der Erforschung des eigenen, tatsächlich gelebten Lebens.

Über Jahrhunderte hinweg sind Tausende von Menschen gekommen und haben am Kalvarienberg gebetet und sich Gott anvertraut. Sie haben vor den Darstellungen ihr Gewissen erforscht und dadurch vielleicht eine Veränderung in ihrem Leben erfahren. Viele sind aber auch gekommen, um am Markt, der sich rundum etabliert hatte, Unterhaltung zu suchen. Es gibt aufschlussreiche Zeugnisse darüber, wie die Wiener während der Fastenzeit nach Hernals zogen, um sich hier zu vergnügen. Trotz alledem sind der Kalvarienberg und die Kirche ein durchbetetes Gesamtkunstwerk und für viele Einheimische und Gäste ein Ort, an dem sie Kraft schöpfen.

Hauptsünden

Hauptsünden sind negative menschliche Handlungsstrukturen, die sich durch innere und äußere Einflüsse ausbilden und entwickeln. Um von ihnen frei zu werden, gilt es, dieser negativen Strukturen gewahr zu werden (Hauptsünden-Reliefs) und kraft des Handelns Gottes (Kreuzigungsgruppe) hineingesetzt zu werden in die ursprüngliche Verfassung des Seins (Tugenden-Reliefs).

Erlösung

Dreh- und Angelpunkt dieses Prozesses ist, in der Bildsprache des Kalvarienberges, die lebensgroße Kreuzigungsgruppe: In der Mitte hängt der ans Kreuz genagelte Jesus. Zu seiner Rechten ist ein Verbrecher ans Kreuz gebunden. Den Blick auf den Gekreuzigten gerichtet, wird er sich der Wirklichkeit seines Lebens bewusst: "Wir hängen zu Recht da!" (vgl. Lk 23,41). Daraufhin vernimmt er mit entspannten Gesichtszügen die Worte Jesu: "Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!" (vgl. Lk 23,43).

Hierin steckt die Botschaft, dass der Mensch sich nicht selbst erlösen, also aus seinen negativen Bindungen befreien kann. Am Menschen liegt das Erkennen, das Bewusstwerden seiner Bindungen und deren Folgen. Den Akt der Befreiung selbst zu vollbringen und das erlöste Leben wiederaufzunehmen, liegt nicht in seiner Macht. Das empfängt er als Geschenk – die Erlösung in der Zeit, das erlöste Leben in der Ewigkeit.
Zur Linken Jesu hängt ein zweiter Verbrecher: Am Ende seines Lebens ebenfalls ans Kreuz gebunden, richtet er den Blick nicht auf Jesus, sondern zurück zu den Hauptsünden. Er stellt sich nicht der Aktualität seiner Situation, weder dem nahen Ende noch dem ihm nahen Jesus, sondern blickt zurück in die Vergangenheit – und bleibt unerlöst.

Tugenden

"Das Gute existiert nur in der unübersehbaren Vielfalt der guten Handlungen und in einer unbestimmten, aber sicherlich weniger großen Anzahl von guten Haltungen, die traditionellerweise mit dem Wort Tugend bezeichnet werden, was sich von ,Tauglichkeit’ herleitet." Zu dieser Feststellung des französischen Philosophen André Comte Sponville kommt am Kalvarienberg eine transzendente Dimension hinzu: Von der Erlösung ins Leben gesandt, tritt Maria als Personifizierung der Tugenden auf und als ihre "Lehrerin" – lehrend nicht in Worten, sondern im Tun. Ihr tugendhaftes Leben und Wirken hat Maria – hier der Prototyp des erlösten Menschen – sich nicht selbst angeeignet, sondern sie empfängt es, und zwar fortwährend und neu. Maria ist lediglich durchlässig für das, was an vielfältigen Tugenden in Form von Handlungen aus ihr heraustritt. Sie ist, wie Johann Koller im Jahr 1994 einen Leitartikel titelte, "frei für das Gute".
 


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